"Wir können gar nicht visionär genug sein"

Ein Gespräch mit dem Ökologen und Umweltwissenschaftler Mario Broggi über visionäre Naturschützer, die zunehmende Mutlosigkeit und seine eigenen Visionen für die Biodiversität. Veröffentlicht im Hotspot Magazin 50/2024.

HOTSPOT: Auf Ihrer Website porträtieren Sie Persönlichkeiten des Naturschutzes, deren Wirken und Vermächtnis. Über drei, die heute nicht mehr leben, haben Sie zusammen mit Richard Maurer aus dem Kanton Aargau sogar ein Buch geschriebenen – Erich Kessler, Frank Klötzli und Bernhard Nievergelt. Was hat diese drei Protagonisten ausgezeichnet?

MARIO BROGGI: Alle drei waren visionäre und innovative Naturschutzpioniere, die einzeln und zusammen den Natur- und Landschaftsschutz in der Schweiz in besonderer Art und Weise geprägt haben. Von ihnen gingen entscheidende Impulse für zukunftsweisende Prozesse aus. Ich denke da vor allem an das Natur- und Heimatschutzgesetz von 1966, die Rothenthurm- Initiative mit Gegenvorschlag und die Biotopinventare. Die Akteurinnen und Akteure, welche nach ihnen kamen, profitieren von ihrer Tätigkeit und können auf einem soliden Fundament aufbauen.

Was können wir von den drei Naturschutzpionieren lernen?

Alle drei waren Taktiker, die die Gunst der Stunde zu nutzen wussten. Dazu gehört das erste Europäische Naturschutzjahr 1970, das dem Naturschutzgedanken in der breiten Bevölkerung zum Durchbruch verhalf. Für mich ist dieses Ereignis noch immer einer der grössten Erfolge des Naturschutzes überhaupt – mit einer unglaublichen Schubwirkung. Mindestens ebenso wichtig waren aber bestimmte Eigenschaften der drei Pioniere: Ehrfurcht vor dem Leben, inneres Feuer und Herzblut für die Sache, Raffinesse, Originalität und Hartnäckigkeit. Alle drei waren gut darin, Seilschaften zu knüpfen, Allianzen und Verbündete zu suchen. Und sie haben niemals aufgegeben. Vor allem Erich Kesslers Hartnäckigkeit war legendär. Bildlich gesprochen kam er, wenn ihm der Haupteingang verwehrt wurde, durch die Hintertüre wieder zurück.

Die drei hatten grossen Einfluss auf Sie.
Absolut! Erich Kessler hatte einen ungeheuer offenen Horizont. Unter anderem unterschied er nicht zwischen Natur- und Geisteswissenschaften. Als ich mit dem Inventar der Flachmoore betraut wurde und das ganze Team mit Leidenschaft, Interesse und Freude dabei war, holten wir fehlendes Wissen bei Bernhard Nievergelt und Frank Klötzli ab. Obwohl beide hochkarätige Wissenschaftler waren, hörten sie uns Praktiker immer an und unterstützten uns, wo sie nur konnten. Es war ein fruchtbarer Austausch. In Fleisch und Blut übergegangen ist auch ihr Credo, niemals aufzugeben: Auf meinem Schreibtisch steht ein Storch, dem ein Frosch im Schnabel steckt und der dem Storch den Hals zuhält.

Sie selbst sprechen immer wieder unbequeme Themen an. Regelmässig erscheinen Artikel von Ihnen mit Einsichten und Forderungen, die weit über den Mainstream hinausgehen. Was sind Ihre grossen Visionen für eine biodiverse Zukunft? Müssen wir Naturschutz neu denken?
Diese Frage beschäftigt mich in den letzten Jahren zunehmend. Trotz Roten Listen und vielen weiteren wissenschaftsbasierten Berichten zum Zustand der Biodiversität gelingt es uns nicht, der breiten Bevölkerung den Naturschutz verständlich zu machen. Wir haben ganz klar ein Kommunikationsproblem. Es gibt wenige Ausnahmen: Der Film «More than Honey» von Markus Imhoof oder die Serie «Netz Natur» von Andreas Moser, die leider abgesetzt wurde, waren wertvolle Übersetzungshilfen. Wir verwenden zu viel Naturwissenschaft und zu wenig Geisteswissenschaft. Der Film von Imhoof zeigt chinesische Arbeiter, die versuchen, Obstbäume mit Pinseln zu bestäuben! Was für ein starkes Bild, um die Biodiversitätskrise darzustellen!

Was schlagen Sie also vor?
Meine Vision ist, dass die Menschen Natur wieder in ihrem Herzen tragen und aus diesem Herzen heraus handeln. Dazu brauchen wir ein Marketing, das diesen Namen auch verdient. Dazu gibt es seit Kurzem ein Best-Practice-Projekt, an dem ich beteiligt bin: Um die Bevölkerung Liechtensteins für mehr Natur zu begeistern, wurde mit Unterstützung der Hilti-Familienstiftung die Initiative «supergut.li» ins Leben gerufen. Die Initiative macht biologische Vielfalt zum Thema für alle und gibt ihr eine Stimme. Auf Plakaten und Inseraten, mittels Kurzvideos, auf Social- Media-Kanälen und auf der entsprechenden Website werden beispielsweise Artenschwund, Neophyten oder Bodenversiegelung einfach und nutzerorientiert erklärt. Unser Ziel ist es, die Bevölkerung zu sensibilisieren, das Thema positiv zu verankern und schliesslich die Menschen zum Handeln zu begeistern. Sind wir erfolgreich, finden wir vielleicht Nachahmerinnen und Nachahmer.

Das ganze Interview kann im aktuell Hotspot-Magazin nachgelesen werden

Über das Hotspot-Magazin

Die Zeitschrift Hotspot widmet sich aktuellen Themen aus der Biodiversität, die Forschende und Fachleute aus Verwaltung und Praxis beleuchten. Die Zeitschrift des Forums Biodiversität Schweiz erscheint zweimal jährlich in Deutsch und Französisch. Jede Ausgabe widmet sich einem aktuellen Brennpunktthema, das Forschende und Fachleute aus Verwaltung und Praxis beleuchten.
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