«Es lohnt sich in Energiedetektivarbeit zu investieren»

Wie Haushalte mit wenig Mitteln viel Energie sparen

Gerwin Frick, Inhaber und Geschäftsführer der Lenum AG, erklärt, wie Haushalte mit einfachen Massnahmen Stromverbrauch und Heizkosten senken können und was sich wirklich lohnt.
Gerwin Frick, Inhaber und Geschäftsführer der Lenum AG

Wenn Ihnen 500 Franken zur Verfügung stünden: Welche konkrete Massnahme im Bereich nachhaltiger Stromnutzung oder -gewinnung würden Sie für einen Privathaushalt empfehlen?

Gerwin Frick: Die 500 Franken investiert man am besten in eine effiziente Beleuchtung (LED) und «Goodby Standby» Massnahmen. So kann man zum Beispiel schaltbare Steckdosenleisten kaufen. Liegt der Stromverbrauch eines Vierpersonenhaushalts ohne Heizung über 5’000 kWh, lohnt es sich, in Energiedetektivarbeit zu investieren: Mit einem Blick auf den Stromverbrauch und die 15-Minuten-Stromdaten der Liechtensteinische Kraftwerke kann der Fachmann und auch der Laie «Stromfresser» erkennen und Massnahmen ergreifen.

 

Energieeffiziente Massnahmen werden von Land und Gemeinden gefördert.

Genau. Haushalten mit knappem Budget empfehle ich, sich über Fördermöglichkeiten zu informieren. Das Land Liechtenstein und die Gemeinden bieten grosszügige Förderbeiträge und seit kurzem auch ein zinsfreies Darlehen (0%-Energiehypothek) bis 100’000 Franken über fünf Jahre an. So können sich auch Haushalte mit kleinem Budget eine Photovoltaikanlage, einen ökologischen Heizungsersatz oder eine wärmetechnische Sanierung der Gebäudehülle leisten.

 

Was empfehlen Sie im Bereich Gebäudehülle?

Hier bieten sich «Do-it-yourself» Massnahmen an, etwa die Dämmung gegen unbeheizte Räume wie Keller, Garage und Estrich. Solche Wärmedämmungen können mit ein wenig handwerklichem Geschick selbst montiert werden. Eine kurze Abklärung hinsichtlich Dampfdiffusion beim Bauphysiker zur Bestimmung einer allfälligen Dampfbremse/-sperre ist aber sehr zu empfehlen.

 

Welche Formen privater Stromproduktion oder Energieeinsparung werden aus Ihrer Sicht häufig überschätzt oder liefern in der Praxis weniger Nutzen als erhofft?

Grundsätzlich leistet jede noch so kleine Energieeinsparung einen wichtigen Beitrag. Wenn 1’000 Haushalte 20 Watt Standbyleistung einsparen, beispielsweise den Fernseher an eine schaltbare Steckdosenleiste anschliessen, dann sind das 175’000 kWh Strom pro Jahr. Dies entspricht ungefähr der jährlichen Stromproduktion einer Photovoltaikanlage mit 175 Kilowatt Peak (kWp). Davon könnten etwa 35 bis 40 Vierpersonen Haushalte ein ganzes Jahr versorgt werden. Um aber auf die Frage zurückzukommen: Kleine Windkraftanlagen für Wohngebäude machen bei uns in Liechtenstein keinen Sinn.

Wenn Haushalte Standbyleistungen einsparen, kann viel Strom gespart werden.

Warum machen kleine Windkraftanlagen in Liechtenstein keinen Sinn?

Kleinstwindkraftanlagen haben aufgrund der geringen Windgeschwindigkeiten in tiefen Lagen kein Potenzial. Mittelgrosse Windkraftanlagen sind aufgrund des grossen Platzbedarfs in Liechtenstein nicht sinnvoll. Um die gleiche Leistung einer grossen Windenergieanlage abzudecken, müsste ein ganzer «Wald», nämlich 75 Stück, mittelgrosser Windenergieanlagen mit 80kW erstellt werden.

 

Wo sehen Sie derzeit die wirksamsten Hebel für Privathaushalte in Liechtenstein, um mit wenig finanziellen Mitteln den Energieverbrauch spürbar zu senken?

Durch konsequentes Ausschalten von Geräten mit Standby-Verbrauch lässt sich bereits viel erreichen. Eine Reduktion der Raumtemperatur um ein Grad Celsius spart etwa sieben Prozent Heizenergie. Duschen mit Wassersparbrausen statt Baden senkt den Warmwasserverbrauch und damit die Heizkosten erheblich. Ferienliegenschaften können zudem mit einer Heizungsfernsteuerung geregelt werden. Der Einbau wird vom Land Liechtenstein mit bis zu 1’000 Franken gefördert und kann den Heizenergieverbrauch sogar halbieren.

 

Balkonsolaranlagen im Alltag: Wie beurteilen Sie deren Nutzen, Wirtschaftlichkeit und Beitrag zur Stromversorgung eines Haushalts?

Das Fassadenbild eines Mehrfamilienhauses mit vielen unterschiedlichen Balkonsolaranlagen erachte ich als schwierig. Zudem sind es sehr kleine Leistungen und damit auch kleine Energiemengen, die produziert werden. Der produzierte Strom muss auch direkt genutzt werden können, da eine Netzeinspeisung meist nicht möglich ist. Ich empfehle bei einem Stockwerkeigentum die Lösung in einer grossen gemeinschaftlichen Anlage zu suchen. Wenn man zur Miete wohnt, dann ist es sinnvoller in eine genossenschaftliche Anlage zu investieren. Hier gibt es von der Solargenossenschaft Liechtenstein und von den Liechtensteinischen Kraftwerken bereits umgesetzte Projekte. Bei entsprechender Nachfrage werden hier sicherlich noch weitere Anlagen hinzukommen.

 

Welche Irrtümer oder Fehlannahmen begegnen Ihnen besonders häufig?

Oft werden bei der Umsetzung einer Massnahme nur die Investitionskosten betrachtet. Es fehlt eine ganzheitliche Betrachtung, welche Energie-, Betriebs- und auch Umweltkosten mitberücksichtigt. Durch die grosszügigen Förderungen und die günstigen Energiekosten sind ökologische Lösungen über die gesamte Lebensdauer meist deutlich wirtschaftlicher als nicht erneuerbare oder energieintensive Alternativen. Auch Umweltkosten werden oft vergessen. Die Folgen von Klimaerwärmung und Umweltverschmutzung, etwa Überschwemmungen, Erdrutsche oder Gesundheitskosten durch Atemwegserkrankungen, sind enorm. Da wir diese Kosten meist indirekt über Versicherungen oder Abgaben bezahlen, werden sie im Alltag vergessen. Würde man beim Verkauf einer Ölheizung noch 5’000 Franken für die Umwelt in Rechnung stellen, würde dies viel kostenintensiver wahrgenommen werden als zum Beispiel die CO2-Abgaben, welche wir dann jedes Jahr bei der Zahlung der Heizölrechnung mit berappen.

«Auch Umweltkosten werden oft vergessen. Würde man beim Verkauf einer Ölheizung noch 5000 Franken für die Umwelt in Rechnung stellen, würde dies viel kostenintensiver wahrgenommen werden als die CO2 Abgaben bei der Heizölrechnung.»

Susanne Quaderer

Infobox zu Strom und dessen Einheit:

Strom ist elektrische Energie, die durch fliessende Elektronen entsteht.

Kilowatt (kW) beschreibt die Leistung, also wie viel Energie pro Zeit erzeugt oder verbraucht wird.

Kilowattstunde (kWh) gibt die Energiemenge an, die tatsächlich genutzt oder produziert wurde (zum Beispiel auf der Stromrechnung).

Kilowatt-Peak (kWp) bezeichnet die maximale Leistung einer Photovoltaikanlage unter idealen Bedingungen.

Diese Werte helfen, den Stromverbrauch besser zu vergleichen und einzuordnen.

 

Informationen zu Förderungen von nachhaltigen Energielösungen sowie der 0%-Energiehypothek findet man unter https://www.energiebuendel.li/ und https://llb.li/de/private/finanzieren/wohnbau/hypotheken .